Zeit, schamlos zu sein.

Warum die Meinung anderer, diesmal nicht zählt.

Wir haben geackert, um voranzukommen: In der Schulzeit, fürs Abi, in der Ausbildung, an der Fachhochschule oder an der Universität. Einige promovieren noch zusätzlich, um sich fachlich noch besser aufzustellen, oder weil das Thema einfach super-interessant war. Der Ausbildungsweg bedeutet viele Jahre der Disziplin, bedeutet dranzubleiben, Tiefschläge einzustecken und dennoch – oder gerade deswegen weiterzumachen. Dann kommen wir endlich in der Arbeitswelt an und können zeigen, was in uns steckt. Wir sind stolz endlich dazu zugehören, hängen uns rein. Die Lernkurve ist steil in den ersten Jahren. Wir fangen an, uns in unserem beruflichen Umfeld zu etablieren, lernen Kollegen und Kolleginnen kennen, unsere „Peergroup“- unsere berufliche Bezugsgruppe.

Man lernt die offensichtlichen und weniger offensichtlichen Spielregeln der Community kennen, die das berufliches Zuhause prägen. Wie in einer Familie gibt es in jeder Branche und beruflichen Gemeinschaft eine Vorstellung davon, was „man tut“, wie Erfolg auszusehen hat und wie Misserfolg riecht. Interessant ist: Die Kriterien sind nur innerhalb der Community wichtig, denn sie werden in der Regel nur dort verstanden. Ein Outsider steht schulterzuckend davor.

Was ist ein „Henri Nannen Preis“ wert? Ist Klinikchefin zu sein, nun besser als der niedergelassene Arzt in einer gutgehenden Praxis? Wieviel „goldene Nägel“ hast Du gewonnen? Bei Professor XY in Rechtswissenschaften promoviert zu haben, bedeutet wirklich nur denen etwas, die dies als Auszeichnung lesen können. Für alle anderen bedeutet es vermutlich wenig. Diese Normen haben ihren engen Gültigkeitsbereich.

Dennoch sind die Maßstäbe der eigenen Branche und Peergroup wichtige Gradmesser für den eigenen Standpunkt und eigene Entwicklung, keine Frage. Sie bieten eine Norm für die Einordnung innerhalb der beruflichen Peergroup.

Es braucht ein dickes Fell

Interessant werden diese Maßstäbe wenn wir versuchen, innerhalb dessen, was als Norm gilt, auszubrechen oder auch nur zu verändern. Da braucht es oft ein dickes Fell.

  • „WAS willst Du? Weniger Stunden arbeiten?“ „Nee, also als Klinikchef muss man sich schon maximal reinhängen“, „Ach schau mal- er hält wohl dem Druck nicht stand…“ flüstert man hinter vorgehaltener Hand.
  • Die stellvertretende Chefredakteurin als wechselt als Chefin in eine PR-Agentur. „PR? Für Kosmetikprodukte? Das ist ja fürchterlich und kein echter Journalismus mehr.“ ZACK- eine gefühlte Ohrfeige!
  • Der promovierte Manager wechselt als Professor an eine Fachhochschule. „Na ja- viel verdienen wird er da ja wohl nicht. Aber wenigstens kann er sich am Lehrstuhl schön ausruhen“ klingt es hämisch.
  • Die Abteilungsleiterin im Controlling eines Konzerns: „DU machst WAS? Eröffnest einen Laden für ökologisches Spielzeug? INTERESSANTE Idee!“
  • Als Anwältin eines Unternehmens- wagt man einen Wechsel an ein Arbeitsgericht in den öffentlichen Dienst. „Sie wechselt zu den BEAMTEN ??“
  • Eine Marketingfrau aus der Consumerindustrie wechselt in eine Non-Profit Organisation „Haben die überhaupt ein Marketingbudget oder machst Du da nur die Visitenkarten?“

Die Liste ist endlos.

Wenn man sich in der spezifischen Branche nicht auskennt, steht man hinter den Bewertungen etwas verständnislos und denkt. Wo ist das Problem dieser Entwicklung?

Doch Betroffene, die sich verändern wollen, verstehen die Einschätzungen und dahinterliegenden Anwürfe sofort. Die Abwertung durch die Peers ist schnell da, wir antizipieren und befürchten sie sogar. Die Abwertung wird unverhohlen ausgesprochen oder etwas diskreter, hinter vorgehaltener Hand. Die Bewunderung für den Mut, etwas zu verändern, kommt in der Regel später und leiser daher.

Auszuscheren aus der Reihe derer, die uns seit Jahren begleiten, ist nicht einfach. Folgen wir doch den Regeln, Ritualen und Richtlinien selbst seit Jahren. Sie gaben uns Orientierung, wo wir stehen. Es war klar, wie Erfolg abzulesen war und wie Misserfolg. Es war lange ok in und mit dieser Peergroup, nur jetzt nicht mehr.

Die Lebensmitte ist ein Zeitfenster, in denen diese Regeln auf den Prüfstand kommen. Passt dieser Job noch zu mir? – möchte ich- brauche ich etwas anderes? Dann bedeutet es möglicherweise auch, sich aus der bisherigen Community auszuklinken.  Nicht mehr dazu zugehören, kann erstmal hart und sehr ungewohnt sein- zumal die Zugehörigkeit zu einer neuen Community noch aussteht.

Die Zugehörigkeit zur bisherigen Peergroup kann – gerade in der Entwicklungszeit einer neuen beruflichen Idee- ein enormer Klebstoff sein. Wir kleben an den Spielregeln der Community, die Loyalität erwartet. DIESE Community verlässt man doch nicht!

Nicht selten verursacht es Unbehagen oder Scham das Community-Ideal ( „So denkt und fühlt man bei uns“) neben den neuen Ist-Zustand zu stellen, der da heißt „Ich möchte etwas anderes für mich und deswegen mache ich xy“. Wir fühlen uns ertappt und erwischt, vielleicht sogar als Mogelpackung. Irgendwie nicht richtig.

Es ist wichtig, zu erkennen, wenn wir uns dadurch in unserer Entwicklung blockieren lassen. Und als Reaktion darauf am Bisherigen, was uns nicht gut tut, festhalten. Man muss daher prüfen, ob falsche Loyalität uns behindert weiter zu gehen.

Seid schamlos!

Es ist an der Zeit ohne Scham, sich für seinen eigenen Weg und Glück zu entscheiden. Alt und erfahren genug ist man für diese Entscheidung. Das muss man sich manchmal wieder bewußt machen. In diesem Sinne seid schamlos!

Abwertung ist übrigens oft eine Reaktion derer, die sich angegriffen fühlen, um sich selbst besser zu fühlen. Abwertung und Verurteilung schließt die Reihen, derer, die in der alten Community zurückbleiben. Abwertung und Abwehr verdeckt die Unsicherheit, derer, die sich vielleicht selbst gerade insgeheim die gleichen Fragen stellen. Diese Reaktion ist also durchaus funktional für die anderen, die „Verlassenen“.

Was gewinnt Ihr außerhalb der Community?

Natürlich ist es ein Prozess und in der Regel keine schnelle Entscheidung, sich von der bisherigen Community abzulösen. Das geht nicht von heute auf morgen. Am besten geht es, wenn man ein klares Bild von der neuen Zukunft entwickelt hat. Man also nicht nur weiß, was man an Zugehörigkeit, Orientierung, Anerkennung und beruflicher Nestwärme verliert. Es hilft vor Augen zu haben, was man dazu gewinnt, an Horizonterweiterung, Lernkurve, Selbstbestimmung, mehr Lebensqualität, bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, mehr Sinngebung oder was auch immer einen antreibt, beruflich aufbrechen zu wollen.

Mein Tipp: Sucht Euch Gleichgesinnte, mit dem Ihr im geschützten Raum frei nachdenken könnt. Einen Raum in dem „geistige Dehnübungen“ erlaubt sind, ohne gleich dafür bewertet zu werden. Ein Raum, in dem Scham keinen Platz hat, sondern Neugier und Entwicklungsgeist auf der Bühne stehen, umgeben von Mut und Lust an der Forschung und Entwicklung in eigener Sache.

In diesem Sinn freue ich mich auf eine schamlose Orientierungswoche (online) mit allen Teilnehmern von 24.-28. August- bald geht es los. Wer kostenlos teilnehmen möchte, kann dies gerne tun und sich hier anmelden:

www.antjegardyan.de/orientierungswoche.

Knoten ins Taschentuch:

Wenn es um Deinen beruflichen Aufbruch geht, ist nicht die Meinung Deiner Peers wichtig. Sie müssen Dein Leben nicht leben, Deine Gefühle nicht fühlen. Ihre Meinung zählt an dieser Stelle nicht. Sei loyal Dir selbst gegenüber, nimmt Dich ernst und Dich selbst an die Hand um neue, passendere Wege zu finden. Das ist was zählt, wenn Du in einiger Zeit auf Deine Situation heute zurückschaust.

Dann wünsche ich Dir ein befreites, fröhliches, schamloses Lachen, voller Lebensfreude.

Herzlich,

Antje Gardyan

PS: Die Orientierungswoche führe ich dieses Jahr nur noch diesen August durch. Schau hier vorbei und melde Dich an, wenn es für Dich passt. Worauf wartest Du noch?

www.antjegardyan.de/orientierungswoche

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Ein Gedanke zu „Zeit, schamlos zu sein.“

  1. Liebe Antje,

    auch Dein neuer Input ist wieder ein Volltreffer, muss ich sagen. In seiner Peer kann man sich wie ein Alien fühlen: „Alle“ anderen scheinen einfach total gesettled und angekommen zu sein, in ihren Jobs, in ihren etablierten Familienleben und ihren Häusern. Über 50 wird das alles doch nicht mehr in Frage gestellt, wie und wo man lebt und arbeitet! Lässt man durchblicken, dass man sehr wohl für sich einiges in Frage stellt, wird das mehr oder weniger direkt als ein persönliches Problem, manchmal auch fast als ein Versagen dargestellt („Wenn man mit über 50 nicht angekommen ist, ist doch was faul?“)

    Herzliche Grüße und Dir und allen Leser/innen ein schönes Wochenende,
    Carla

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