Wofür hast Du Freunde?

Was Dir weiterhilft, als Freunde.

Ach, ja Freunde … sollen sie doch eine Quell‘ von Freude, Spaß, Inspiration, Austausch, Wärme und Nähe sein. Haben wir doch Freunde und Freundinnen selbst ausgesucht- im Gegensatz zu Familie und Verwandten. Freunde mit denen wir innig verbunden sind, nennen einige sogar „Wahlfamilie“ oder „Freundesfamilie“. Wie schön, dass wir diese Ausprägung von sozialen Beziehungen in der Lebensmitte leben können. Es ist ein Beispiel für Früchte, die wir erst in der Lebensmitte ernten können.

Doch so oft sind Freundschaften in der Lebensmitte auch eine Quelle der Enttäuschung. Die freundschaftliche Harmonie bekommt kleine Risse. „Die aus der Hüfte geschossenen Ratschläge einiger Freunde helfen mir wenig.“ Oder: „Meine Freundin versteht mein Problem gar nicht. Sie meint, ich leide auf hohem Niveau und sagt: Das wird schon wieder.“ Oder jemand erzählt: “ Ich rufe bei meinem langjährigen Studienfreund in Süddeutschland an, hoffe auf ein offenes Ohr und Empathie und höre erstmal in epischer Breite, wie absolut SUPER bei ihm alles läuft. Danach habe ich schon gar keinen Mut und Lust mehr, mein Herz auszuschütten“. Anregung? Wärme? Nähe? Scheinbar Fehlanzeige. Solche Aussagen höre ich oft in meiner Coachingpraxis.

Es gibt noch ein weiteres Phänomen: Deine Freunde sind zwar Teil Deiner Kontaktliste, aber nicht erreichbar für Dich. Sie haben keine Zeit oder geistige Kapazität, sie sind zu beschäftigt, oder sind gerade selber abgebuddelt im Alltag mit selbstgemachten oder fremdbestimmten Projekten. Die Rückrufbitte, die man auf der Mailbox hinterlässt, bleibt über Tage unbeantwortet. Da muss man schon sehr erwachsen sein, um das nicht übel zu nehmen. Bad timing, nennt man sowas wohl: Wir sehnen uns gerade in der Lebensmitte nach unseren Freunden und Freundinnen, deren Sichtweise und Rat. Diese sind aber gerade selbst mit sich sehr beschäftigt.

Auch das passiert häufig: Nachdenkliche Themen, die man anschneidet, lösen in dem Freund/Freundin in der Regel nicht Zuhören und Nachfragen über die geschilderte Situation aus, sondern ein Nachdenken über die eigene Befindlichkeit zu diesem Thema. Der Freund ist mit seinen Gedanken in Nullkommanix bei sich und nicht mehr bei Dir. Das ist beflügelnd für den Freund, aber doof für Dich.

Und: Es gibt befreundete Menschen, die bügeln nachdenkliche Themen lieber schnell ab, denn sie machen ihnen Angst, erinnern sie sie doch daran, dass eben nicht alles Gold ist und man „eigentlich“ selber mal nachdenken müßte.

Auch wenn Veränderungen in der Lebensmitte vor allem von einem selber entwickelt und vorangebracht werden müssen, sind Gesprächs- und Sparringspartner wichtig, keine Frage. Es ergibt aber Sinn, sich für Themen der Lebensmitte andere Gesprächspartner als ausgerechnet Freunde zu suchen. Warum?

Im Freundeskreis gibt es in der Regel nicht viele Menschen, die erfahren und geübt sind Fragen der Lebensmitte, der Veränderung, des Abbruchs und der Erneuerung zu diskutieren. Mit Reife, Erfahrung mit Deinem Thema, Distanz zur eigenen Meinung und Person und mit Weitsicht. Das ist vielleicht auch zu viel erwartet. Denn wir haben uns als Freunde in ganz anderen Zusammenhängen gefunden. In der Schulzeit, über ein Hobby oder den Sport, aus der Schule unserer Kinder, aus dem Jobumfeld. Es ist ein großes Glück, wenn dann zufällig jemand dabei ist, der auch diese Entwicklungsphase des Erwachsenen gut begleiten kann. Ein großes Glück und eine Ausnahme und eben nicht Pech, wenn es nicht so ist. Glück hat man möglicherweise auch, weil der andere zufällig über die gleichen Themen nachdenkt und das auch sagen mag.

Es ist kompliziert. Was also tun?

Verabschiede Dich von einer falschen Erwartung: Vielleicht ist erstmal abzuschließen mit der idealistischen Idee, dass Freunde für die Themen der Lebensmitte passende Ansprechpartner in der Langstrecke sind. Meine Erfahrung ist: Sie sind für akute Situationen oft Gold wert und können uns gut unterstützen. Das machen sie in der Regel auch gern. Du trennst Dich? Du wirst zum Essen eingeladen oder auf ein Bier oder besser drei. Dein Job ist nach Berlin verlegt worden, Du willst aber in München bleiben? Tiefes Verständnis und Empathie bei der Überbringung der Nachricht. Dein Vater muss jetzt in ein Pflegeheim? Vielleicht haben Freunde konkrete Tipps, weil sie diesen Prozess schon gegangen sind oder „was gehört“ haben, was Dir helfen könnte.

Aber für die Langstrecke, der Begleitung Deiner Entwicklung sind die wenigsten Freunde geeignet. Ich denke inzwischen, dass diese als Erwartung in der Regel eine Überforderung eines Freundes und der Freundschaft ist. Von dieser Erwartung sollte man sich verabschieden. Und wir lassen unsere Freunde, liebe Freunde sein und nicht unsere Berater. Das entlastet (und rettet) am Ende die Freundschaft.

Was aber dann?

Keine Angst vor Fremden: Suche nach Menschen, die gute Fragen stellen können, die nicht nur ihre eigene Geschichte erzählen wollen oder nach der „Sensation“, die Du zu berichten hast, heischen. Du brauchst gute Zuhörer, die an Dir interessiert sind. Such Dir Menschen, die konkrete Erfahrung mit Deinem Thema haben, dass Dich beschäftigt. Diese haben vielleicht konkrete und tatsächlich hilfreiche Tipps und Hinweise- eben nicht aus der Hüfte geschossene Ratschläge. Der Rat von „fremden Leuten“ bringt oftmals viel weiter, als von Freunden, die sich in der Thematik nicht wirklich auskennen. Und: Du bist noch freier Ratschläge für Dich zu bewerten, anzunehmen oder eben auch nicht.

Mach Dich auf den Weg und finde:  Die Welt ist voll von Beratungsstellen, Gruppen zum Thema X, Experten zum Thema Y, Vorträge, Kurse, Sachbücher zum Thema Z. Es gibt zahlreiche Angebote Online und Offline.

Die Welt ist voller Wissen und Lösungen, so meine Erfahrung. Ja, man muss suchen, sich Informationen zusammenpuzzeln- das stimmt. Allein auf der Suche macht man bereits eine wichtige Erfahrung. Man ist nicht allein. Nicht mit Deinem Thema oder Problem, nicht mit Deiner Suche. Nicht allein mit dem Willen, die Dinge positiv zu gestalten. Es finden sich Lösungen! Worauf wartest Du noch?

Schau was für Dich passend ist: Nicht jedes Format passt für jeden. Manche lesen und lernen gerne für sich. Andere beflügelt es, sich mit anderen auszutauschen. Oder zuzuhören, wie andere sich austauschen. Manchmal ist eine Frage, des sich Herantastens. Erst liest man etwas, dann geht man zu einem Vortrag oder besucht eine Orientierungswoche im Netz. Es ist egal, wie Du für Dich entscheidest. Hauptsache, Du fängst an. 

Später kannst Du Deinen Freunden von den Erkenntnissen und Zwischenergebnissen berichten, natürlich. Vielleicht können sie dann viel konkreter etwas beitragen, wenn nicht, bist Du nicht auf deren alleinigen Input angewiesen. Das befreit.

Diese Erfahrung, keine (oder seeehr wenige) „freundschaftliche“ Gesprächspartner für die Langstrecke der Entwicklung zu haben, habe ich auch gemacht, als mich die wichtigen Themen der Lebensmitte beschäftigt haben. Konzernjob kündigen, Selbständigkeit, Pflege und Tod meiner Eltern, Trennung. Das hat mich später motiviert, mein Sachbuch für andere zu schreiben- sozusagen als Gesprächsangebot zwischen zwei Buchdeckeln. Heute motiviert mich diese Erfahrung, die Orientierungswoche zum beruflichen Aufbruch im August anzubieten und ab September die Midlife Career Journey. In beiden Online-Formaten werden sich Midlifer treffen, die beruflich den Aufbruch und die Entwicklung für sich suchen. Alle Teilnehmenden, egal aus welcher Branche und mit welchem Hintergrund, verbindet dieses Thema und keiner hebt die Augenbraue. Jeder versteht zutiefst, woher die Sehnsucht oder Notwendigkeit kommt, beruflich aufzubrechen, so mitten im Leben. „Fremd“ sind wir uns zunächst alle- zumindest am Anfang. Das ist nicht schlimm, denn die Fremdheit bei gleichzeitiger inhaltlicher Verbundenheit ist eine große Kraft, die wir nutzen können.

Später dann, wenn Du mit Deinen Themen viel weiter bist, rufst Du Deinen Freund oder Freundin an und fragst: Lust auf einen Wein oder drei? Einfach so?

Das wird schön! Schau gerne hier vorbei und melde Dich schnell an.  

www.antjegardyan.de/orientierungswoche

Herzlich,

Antje Gardyan

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Ein Gedanke zu „Wofür hast Du Freunde?“

  1. Liebe Antje,
    vielen Dank für die prompte Wunscherfüllung! Ich finde mich wieder in Deinem Beitrag. Das Stichwort „Langstrecke“ trifft einen wichtigen Punkt: Man ist eben mit manchen Themen oder einem größeren Veränderungsprozess nicht in drei Wochen durch und tatsächlich können Fremde oft „unverstellter“ spiegeln als enge Freunde. Wie geht es anderen hier damit? Fände ich interessant zu erfahren.

    Herzliche Grüße,
    Carla

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